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"Palaver"
Funksprüche
 


An dieser Stelle finden Sie einen Auszug aus dem im Februar 2004 neu erscheinenden zweiten Band der Reihe. Zu weiteren Leseproben kommen Sie hier.

Hartes Herz und Falkenauge

Vorsichtig, nach jedem Schritt wieder haltend, schlichen Graziella und Mario näher. Sie hatten sich aus dem Dschungel gewagt, denn es war Nacht. Aus den Fenstern der Flugzeugkabine schimmerte mattes Licht von Kerzen.
Am Waldrand gut versteckt, hatten die Kinder ungesehen beobachtet, wie sich die Caboclos mit den Fluggästen auf den Weg machten, aber die sechs Weißen zurückblieben. Jetzt mussten sie vermuten, dass diese sechs es sich in dem Flugzeug bequem gemacht hatten, in dem sie hatten leben wollen!
„Was wollen die hier?” flüsterte Graziella ihrem Bruder zu.
„Jedenfalls wollen sie nicht zurück”, antwortete Mario ebenso leise. „Vielleicht wollen sie das Flugzeug ausschlachten?”
„Sie sind also gar nicht gekommen, um uns zu holen”, flüsterte sie.
„Vielleicht sind es Diamantensucher”, sagte Mario. „Die nehmen uns am Ende mit!”
„Mit Diamantensuchern können wir nie zu den Indianern gehen”, sagte Graziella. „Die sind bei den wilden Stämmen so verhasst. Die schießen doch jeden Indianer tot, der ihnen vors Gewehr kommt.“
„Wir wollen nicht eher fort”, sagte Mario, „bis wir herausbekommen haben, was mit ihnen los ist.”
„Vielleicht bleiben sie gar nicht lange”, sagte Graziella.
Sie schlichen auf ihr Baumnest zurück. Sie ahnten nicht, dass die Männer über nichts anderes als über sie redeten, und die Männer wieder wussten nicht, dass die beiden nur von ihnen gesprochen hatten.
„Wir müssen so tun”, sagte GG, „als wüssten wir überhaupt von den Kindern nichts.”
„Ich schlage vor”, sagte der Graf, „wir tun so, als ob wir Epiphyten sammeln – “
„Orchideen”, erklärte GG.
„Botaniker gehören”, fuhr der Graf fort, „meinen Erfahrungen nach zu den friedlichsten Menschen auf dieser Erde. Wenn uns die Kinder als solche ansehen, müssen sie doch unbedingt Zutrauen zu uns fassen!”
„Standquartier ist hier die ,Eldorado’“, sagte GG. „Ich schlage vor, drei bleiben immer hier, drei gehen auf Orchideensuche in den Dschungel, aber nicht zusammen, jeder für sich, damit ein möglichst großes Gebiet abgestreift wird – vielleicht finden wir dabei auch eine Spur der Kinder. Jedenfalls muss das jedem klar sein: wer sie trifft, darf nichts von ihnen wissen und muss den Glauben in ihnen wecken, wir wollten uns im Dschungel noch sehr lange aufhalten.”
„Ich bäte darum, dass Plumpudding die Küche übernimmt, wenn ich unterwegs bin”, sagte Neunauge, „denn ich möchte mir natürlich diese Gelegenheit zu sensationellen Aufnahmen im Dschungel nicht entgehen lassen.”
Der Chef nickte dazu, und am andern Morgen gingen er, der Graf und Figur scheinbar auf Orchideensuche. An drei verschiedenen Stellen verschwanden sie im Urwald. Figur aber hatte keine Lust, sich mühsam durch den Busch zu schlagen, und fand es höchst angenehm, dass er auf niedergetretenes Gras stieß. Das war kein richtiger Pfad, aber doch eine Spur, wo schon einmal jemand gegangen war, und der ging er nun behutsam nach. Lautlos trat er auf, und alle drei Schritt blieb er stehen, um zu lauschen. Gerade als er einmal so verhielt, hörte er einen dumpfen Laut, wie wenn ein Tier vom Baum gesprungen wäre. Er griff nach der Pistole. Dann bog er vorsichtig die Zweige eines mannshohen Busches auseinander.
Er sah Graziella, die eben von ihrer Baumburg heruntergekommen war.
„Hallo”, sagte Figur, „was machst du denn hier im Urwald?” Er trat auf sie zu.
Graziella war sprachlos. Im ersten Schrecken dachte sie, der Mann hätte sie aufgespürt, um sie zu holen – und Mario war nicht da! Duck dich zusammen und weg ins Dickicht – das schoss ihr durch den Kopf. Doch bei ihrer ersten Bewegung würde der Kerl dann zufassen... Aber was denn? Der sprach ja Englisch, das war also ein estrangeiro – sie musste den Stier einfach bei den Hörnern packen.
„Was machen Sie denn hier?” fragte sie recht bestimmt.
„Ich sammle Orchideen, wie du siehst”, sagte er.
„Aber Sie haben ja gar keine gepflückt!” sagte sie.
Verdammt, daran hatte er nicht gedacht. Diese kleine rothosige Kröte hatte scharfe Augen.
„Erst sehe ich mich mal gründlich um”, sagte er.
„Welche suchen Sie denn?” fragte sie. „Disa grandiflora oder Paphiopedilum barbatum? Suchen sie Diandren oder Monandren?“
Verflucht noch mal, das Persönchen war aber im Bilde! Er wusste gar nicht, was er sagen sollte.
„Wenn Sie vielleicht echte Vanille suchen”, fuhr Graziella fort, „dann sind Sie hier falsch. Hier gibt es nur Vanilla tomentosa. “
Er stotterte etwas zusammen. Wenn es hier keine echte Vanille gäbe, dann wäre es allerdings am besten, sie kehrten gleich wieder um – es war ziemlich dummes Zeug, was er da vorbrachte.
„Hören Sie mal”, sagte sie, „ich glaube, Sie verstehen von Orchideen überhaupt nichts!”
Ihm wurde heiß und kalt. Diese fuchskluge kleine Person hatte ja Röntgenaugen! Und wenn sie den Schwindel mit den Orchideen erkannte, dann durchschaute sie auch noch, was hier gespielt wurde. Wenn er die jetzt nicht gründlich einwickelte, war alles verloren, dann verschwand sie auf Nimmerwiedersehen.
„Fräulein Rotbein”, sagte er, „ich will dir was sagen: ich kann eine Orchidee von `ner Butterblume unterscheiden, aber das ist auch alles.”
„Und weshalb geben Sie sich dann als Orchideensammler aus?”
„Ja siehst du, wir haben uns abgesprochen – wenn euch wer fragt: Wer seid ihr? dann antworten wir: ,Orchideensammler’.“
„Und was sind Sie in Wirklichkeit?”
„Nimm es, bitte, nicht für unhöflich, wenn ich dir darauf nicht antworte. Bitte begnüge dich mit der Auskunft: wir sind sechs Männer, die nicht mehr zurück können.”
„Sie können nicht mehr in die Städte zurück?”
„Wir können nicht dahin zurück, wo es Polizei gibt.”
„Sie sind Verbrecher?”
„Das ist kein schönes Wort, kleines Fräulein. Sagen wir, wir sind Leute, die Pech gehabt hatten.”
„Für Gesetzesverbrecher habe ich etwas übrig”, sagte Graziella. „Ich lehne mich auch gegen die Gesetze auf.”
„Ach, und deshalb hast du dich in den Urwald begeben?”
Die Sache geht ja vortrefflich, dachte er.
Sie beantwortete seine Frage nicht. „Was haben Sie auf dem Gewissen?” fragte sie.
Jetzt war er in Fahrt. Jetzt kam es ihm nicht mehr darauf an, tüchtig Gas zu geben.
„Bankraub”, sagte er düster.
„Wieviel Millionen haben Sie erwischt?” fragte sie.
„Keinen einzigen Reis”, sagte er.
„Das finde ich schlapp”, sagte sie verächtlich.
Er fluchte eindrucksvoll. „Nein, bei allen Höllenhunden, das sind wir nicht. Aber wir hatten eben Pech. Wir wurden überrascht! Mit zehn Millionen hatten wir gerechnet – und was gab es? Fünf Tote! Da mussten wir umkehren.”
„Sind Sie einer von den Mördern?”
Nun war von den sechs Männern Figur derjenige, dessen Leben wirklich einige recht dunkle Stationen aufzuweisen hatte, und wenn sein alter Schulfreund GG ihn nicht für die Expeditionen der UT-Company als Begleiter empfohlen hätte, so wäre er wohl nicht wieder hochgekommen. Aber es machte ihm einen diebischen Spaß, den andern noch schwärzere Flecken anzumalen, als er selbst aufzuweisen hatte.
„Nein”, sagte er, „meine Hände sind rein. Ich bin ein Opfer meines Charakters, ich kann niemand im Stich lassen. Aber unser Chef –“
„Der mit dem Cäsarenkopf?” fragte sie.
Er stutzte. „Woher kennst du ihn?”
„Ich habe euch alle beobachtet”, sagte sie überlegen.
Ein verteufeltes Frauenzimmer! „Ja, also der”, sagte er, „der hat drei umgelegt, der Dicke, den wir Plumpudding nennen, hat einen umgebracht – aber der Wildeste ist der mit dem Fotoapparat, Neunauge ist sein Deckname – der hat mit jeder Hand einen erwürgt.”
„Das sind Männer”, sagte sie, „wie die Wildnis sie braucht! Aber wo wollen Sie nun hin?”
„Das ist uns ganz gleich”, sagte er, „nur irgendwohin, wo uns keiner findet.”
„Ich fürchte mich vor Ihnen nicht”, sagte sie. „Für mich gelten andere Gesetze als die verlogenen der Zivilisation. Vielleicht besuche ich Sie einmal im Flugzeug!”
Die Blätter der jungen Palmen schlugen hinter ihr zusammen, und sie war verschwunden. Figur hütete sich, ihr nachzuspüren. Er kehrte um. Aber es dauerte länger als eine Stunde, bis er das Flugzeug wiedergefunden hatte.
Sein Bericht erregte Aufsehen. „Figur”, sagte GG, „das hast du großartig gemacht!”
„Jeder tut, was er kann”, antwortete er. Indessen hatte er die malerischen Einzelheiten, die er Graziella erzählt hatte, lieber verschwiegen. Er hätte nur bemerkt, sie könnten nicht in die Städte zurück, weil sie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen seien.
„Lauter Lügen”, sagte der Chef.
„Wenn Sie uns nicht so hereingeritten hätten, dann wären wir nicht zu ihnen gezwungen”, hätte der Graf sagen können, aber er sagte: „So ist die Welt, Chef!” Man schiebt ja gern anderen zu, woran man selbst schuld ist, und man macht die Welt schlecht, wenn man sich selbst nicht gut benimmt.
Sie saßen wieder abends im Flugzeug beisammen, als es draußen „Hallo” rief.
„Das sind sie”, flüsterte Figur. Er öffnete die Tür. „Wer da?” fragte er und zeigte drohend die gezückte Pistole.
„Wir sind es!” riefen zwei junge Stimmen.
„O Fräulein Rotbein”, rief Figur hinunter. „Komm doch zu uns herein, wenn du Lust hast!”
Die beiden kletterten die Lianenleiter herauf. Und dann traten sie in den Passagierraum.
Jetzt saßen die fremden Männer in den Sesseln, in denen die Fluggäste gesessen hatten. Sie sahen auf die beiden Kinder. Das Mädchen hatte die Smith-Wesson in der Hand, der Junge das Gewehr umhängen. Von dem ungepflegten Leben der letzten Tage sahen beide etwas verwahrlost aus. „Guten Abend, Senhores!” sagte Graziella.
Die Männer fanden es stilecht, nicht zu antworten. Finsteres Schweigen hatte etwas angenehm Drohendes.
„Senhores”, sagte Graziella, „Sie haben von uns nichts zu befürchten, mein Bruder und ich sind Outlaws wie Sie! Ich weiß, Blut klebt an Ihren Händen – aber wir scheuen uns nicht, sie zu drücken.”
Sie ging auf den Chef zu. „Drei Menschen haben Sie auf dem Gewissen”, sagte sie zu ihm, „hier haben Sie meine Hand!”
Sie streckte ihm die ihre entgegen. Er war ganz verblüfft. Was konnte er anderes tun, als die Kinderhand kräftig drücken?
„Und Sie”, so wandte sie sich an Neunauge, „Sie haben zwei Menschen erdrosselt –“
„Ich?!” schrie Neunauge auf.
Hinter dem Rücken der Kinder winkte ihm Figur mit geballter Faust drohend zu.
„Sie brauchen es vor uns nicht zu leugnen, wir wissen: wo gehobelt wird, da fallen Späne.” Er konnte nichts anderes tun, als auch die ausgestreckte Mädchenhand zu schütteln.
„Sie haben nur einen getötet”, sagte sie jetzt zu Plumpudding, „aber schon ein Toter reicht aus, dass sich der Krieger eine Adlerfeder ins Haar stecken darf.“ Sie gab ihm und dann den anderen ihre Hand.
„Senhores”, sagte sie, „Sie wollten sich Millionen aneignen, die Ihnen nicht gehörten. Ich sehe darin nichts Schlimmes, denn wer weiß, wie die Millionen zusammengerafft waren, die in der Bank lagen? An jedem Geld klebt Blut. Wir aber wollen nicht von Geld leben, das so erworben wurde. Mein Bruder und ich sind deshalb auf dem Wege in eine Welt, wo das Menschengeld nicht gilt. Wir haben unsere Namen abgelegt. Ich heiße Hartes Herz und mein Bruder Falkenauge. Ich möchte lieber die Tochter eines indianischen Häuptlings sein, als die eines brasilianischen Kaffeekönigs. Deshalb sind wir auf dem Wege zu den Indianern. Wir wollen da leben, wo die Menschen noch nicht verdorben sind. Wir wollen da bleiben, wo das Leben noch natürlich und schön ist.”
Die Männer hatten sie angehört, ohne sie zu unterbrechen.
„Was für ein wilder Unsinn”, dachte der Chef. „Wie eine Flamme ist dieses Mädchen”, dachte der Graf. „Warum sagt der Bruder gar nichts?” dachte GG. Plumpudding war ungemütlich zumut, denn er sagte sich: dem, was diese drahtige junge Dame äußerte, konnte doch der Chef unmöglich zustimmen, und in Neunauge brodelte es immer noch, weil er über die beiden Erdrosselten nicht hinwegkam. Figur war aber höchst zufrieden. War ihm dieses schwierige Kind nicht großartig auf den Leim gekrochen?
„Ich finde es nicht sehr interessant, was du da alles sagst”, bemerkte GG scheinbar gelangweilt. „Ihr geht eure Wege, wir gehen unsere Wege. Wir haben mit euch nichts zu tun, und reisende Leute soll man nicht aufhalten. Oder wollt ihr vielleicht von uns noch irgend etwas haben?”
„Ich wäre gar nicht zu Ihnen gegangen”, sagte Graziella stolz, „aber mein Bruder meinte, vielleicht hätten Sie Lust, mit uns zu kommen. Denn wenn Sie bei einem Indianerstamm untertauchen, dann sind Sie völlig sicher.”
„Aha”, dachte GG. „Also der Bruder...”
Aber Figur riss die Steuerung an sich. „Was sollen wir bei den Indianern?” fragte er. „Wir können uns doch mit ihnen nicht verständigen.”
„Wir sprechen Tupi und Guarani”, sagte Graziella-Hartherz.
„Ich meine”, sagte der Graf langsam, „wir sollten uns den Vorschlag doch überlegen.”
„Was denken Sie, Chef?” fragte GG.
Der Chef kam hier nicht mehr mit. „Wollen drüber schlafen”, knurrte er.
Wieder griff Figur ein. Er legte den Kindern nahe, ob sie nicht die Nacht im Flugzeug verbringen wollten. Es sei hier doch besser als im Dschungel. Graziella-Hartherz zögerte mit der Antwort. Jetzt ergriff der Bruder plötzlich das Wort.
„Ja”, sagte er bestimmt, „wir bleiben gern hier. Wir haben hier nämlich noch unsere Sachen.” Sie quartierten sich da ein, wo sie bisher geschlafen hatten.
Aber GG lag noch lange wach. Er durchdachte, was er gesehen und gehört hatte. Das Mädchen redete – der Junge schwieg. Doch wenn es darauf ankam, dann sprach der Junge. Und der Junge war es, der ihre Gesellschaft haben wollte. Der Junge hatte also begriffen, wovon das Mädchen anscheinend nichts wissen wollte: dass sie beide allein im Sertão einem schrecklichen Schicksal ausgeliefert wären. Aber auch der Junge war ja mit in den Urwald ausgerissen! War er am Ende nur mitgegangen, weil das Mädchen sonst allein davongelaufen wäre? War er nur mitgegangen, weil er dachte, vielleicht könne er so wenigstens das Schlimmste verhüten?
Und noch etwas. Während das Mädchen redete und der Junge stumm dabeisaß, hatte er die Männer genau betrachtet. „Er hat unsre Gesichter richtig abgetastet”, dachte GG. „Er hat gesucht, wem von uns er vielleicht vertrauen könnte, trotzdem wir für ihn Mörder und Verbrecher sind.” Und immer wieder hatte der Blick des Jungen an GGs Gesicht gehangen...
Hochachtung hatte er vor diesem schweigsamen Burschen, der es auf sich nahm, einen Wagen zu steuern, der unversehens in rasender Fahrt bergab rollen konnte. Den Jungen galt es zuerst zu gewinnen, wenn GG ihn richtig beurteilte.
Am andern Morgen öffnete Plumpudding die Tür. Die andern schliefen noch. Er wollte Wasser holen. Er sah hinaus und stand da wie angenagelt.
„Chef!” rief er in das Flugzeug zurück, „Indianer!”

Dieser Auszug wurde dem Band 2 "Im Dschungel abgestürzt" entnommen. Zu weiteren Leseproben kommen Sie hier.

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