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Leseprobe
"Palaver"
Funksprüche
 


An dieser Stelle finden Sie einen Auszug aus dem im August 2003 neu erschienenen ersten Buch der Reihe. Zu anderen Leseproben kommen Sie hier.

Im Stich gelassen

  GG wachte auf. Vom Zelteingang her schimmerte Morgenlicht. Er sah auf seine Armbanduhr. Der leuchtende Zeiger stand genau auf der leuchtenden Fünf. Jeden Morgen wachte GG um fünf Uhr auf, weil die Träger lärmten. Jeden Morgen ärgerte er sich darüber, dass sie sich nicht daran gewöhnen konnten, leise zu sein. Aber jetzt vernahm er nichts. Er war aufgewacht, weil es so still war.
  Er freute sich, dass sie endlich auf ihn gehört hatten. Es war eben doch gut mit diesen dunkelbraunen Männern der Mahori Berge auszukommen, die sie in Tschitral angeworben hatten. Man musste nur Geduld haben. Es dauerte lange, bis sie begriffen hatten, was die weißen Sahibs wollten, weil ihnen deren Gedanken und Wünsche im Grunde unbegreiflich waren. Warum sollten sie leise sein, wo es doch so herrlich war, beim Wasserholen, beim Feuermachen zu singen, dass es von den Bergen widerhallte?
  Aber er hörte ja überhaupt keinen Laut! Jetzt horchte GG angespannt - wahrhaftig, es war totenstill draußen, und mit einem Male überkam es ihn: Gefahr!
  Er streifte den Schlafsack ab. Er fuhr in die Sandalen, Buschhemd und kurze Hose hatte er an. Hinaus aus dem Zelt - aber vorher noch rasch den Griff zu seiner Pistole. Er schob sie in die rechte Hosentasche. Jetzt stand er draußen in der Morgendämmerung.
  Ein Blick, und er sah, weshalb es so still war: die Träger waren fort. Heimlich hatten sie sich in der Nacht davongemacht. Mitten in den Bergen hatten sie die Sahibs im Stich gelassen.
  Er weckte die Kameraden nicht. Er dachte überhaupt nicht daran.
  Er fragte sich auch nicht, was denn nun weiter werden solle, wo sie ohne Träger so gut wie hilflos waren. Er hatte nur einen Gedanken. Er stürzte zu den Kisten, in denen ihr Gepäck verstaut war.
  Da lagen sie, sorgfältig aufgestapelt, wie die Londoner Firma Fortnum & Mason sie unübertrefflich geliefert hatte, aus gut getrocknetem Holz, sorgfältig zusammengefügt, mit Zink beschlagen, wasser- und luftdicht imprägniert. Einzeln konnten sie als Sitz dienen. Zu vieren in einer Reihe gaben sie eine Bettstelle, drei waren als Stuhl und Tisch verwendbar, und vier, auf kunstvolle Art verbunden, gaben ein Boot, in dem man einen Fluss überqueren konnte. Sie waren als Wasserfass, ja als Badewanne zu verwenden, und keine wog mehr als 25 Seers (23 Kilo), denn das war das höchste Gewicht, das ein Träger schleppte.
  Er atmete auf. Da war auch Kiste Nr.17, seine kostbare Nr.17, auf die er persönlich oben und unten mit roter Farbe ein dickes Kreuz gemalt hatte. Sie war sein Augapfel. Sie durfte nicht aufgeladen, nicht abgesetzt werden, ohne dass er dabei war. Die Träger waren fort - aber seine Kiste war noch da. Alles weitere würde sich finden.
  Er ging in das Zelt Stephen Slantons. Er legte die Hand auf den Schlafenden. Der war sofort wach und sah ihn klar an.
  "Chef", sagte Peter Geist, "die Träger sind auf und davon!"
  "Oh", sagte der Engländer, und das war viel, denn er war ein Mann, der nicht gern viel redete.
  Eine halbe Stunde später standen fünf von den sechs Europäern, die der Auftrag der Londoner Company "UBIQUE TERRARUM" in die Einsamkeit der indisch-afghanischen Grenzgebirge verschlagen hatte, beisammen und erwogen die fatale Lage, in die sie die heimliche Flucht der Träger gebracht hatte. Der Morgen war schön. Zu ihrer Rechten hoben sich die gewaltigen, vereisten Siebentausender des Hindukusch gegen den blauen Himmel, und vor sich sahen sie in das Gewirr der afghanischen Waldtäler. Ihr Lager hatten sie im Windschatten einer Felswand zwischen kahlem Geröll aufgeschlagen.
  "Jedenfalls, eins steht fest" sagte eine empörte Stimme heftig, "ich schleppe nicht eine der elenden Kisten auch nur einen halben Meter. Dazu bin ich nicht verpflichtet, und das kann kein Mensch von mir verlangen !"
  "Es hat ja auch niemand von dir verlangt, Neunauge!"
  "Aber ich sehe schon, dass es dazu kommen wird!" Der aufgeregte Mann schrie beinahe. "Ich bin kein Kistenträger. Ich bin gelernter Koch! Ich habe in meinem Kontrakt ausdrücklich stehen, dass ich nur für die Zubereitung der mitgenommenen Nahrungsmittel verantwortlich bin! Kein Wort steht davon da, dass ich sie auch schleppen müsste! Herr Graf, geben Sie sich keine Mühe, mich dazu zu überreden."
  Der sechste Mann kam heran und brachte eine Kanne mit dampfendem Kaffee.
  "Du sagst, du wärest Koch", sagte der Graf", aber du kochst nicht, sondern hältst Brandreden, und derweile geht Plumpudding hin und kocht Kaffee!"
  Man hätte die merkwürdigen Namen "Neunauge" und "Plumpudding" vergeblich in den wohlabgestempelten Reisepässen der genannten Männer gesucht. Der aufgeregte Koch, der in Marseille geboren und aufgewachsen war, hieß in Wahrheit Cyprian Bombardon, und Plumpudding war im Geburtsregister seiner irischen Heimatstadt Limerick als Patrick Cromby eingetragen. Seine füllige Körperbeschaffenheit, sein Vollmondgesicht war eine überzeugende Erklärung seines Spitznamens. Es kam indessen hinzu, dass sein stilles Wesen auch an das angenehm Sanfte eines Puddings erinnern konnte. Zu seinen Besonderheiten gehörte, dass er gern ein Lied vor sich hinsummte, vielmehr nur die erste Strophe eines Liedes, oder, wenn wir ganz genau sein wollen, nur die erste Zeile dieser ersten Strophe; immer trat dann irgend etwas dazwischen, das ihn daran hinderte, sie zu vollenden. Dem hageren Südfranzosen aber war zum Verhängnis geworden, dass es der Traum seines Lebens war, eines Tages in Paris ein kleines Bistro (Restaurant) mit dem verlockenden Namen "Zum vergnügten Neunauge" zu eröffnen. Der Graf freilich wurde mit Recht so genannt, jedoch legte Gaston von Montfort, Graf von Darifant, Ehrenritter des Souveränen Malteserordens, nicht etwa Wert darauf, an seine Herkunft erinnert zu werden. Aber jeder nannte ihn so, weil kein anderer Name seinem ebenso feinen wie liebenswerten Wesen gerecht zu werden schien. Dass Dr. Geist auch im fernen Asien wieder von dem Beinamen nicht loskam, der ihm vor Jahren in seinem Jugendbund feierlich verliehen worden war, das verdankte er seinem alten Schulkameraden Bertram Kunke, den er als seinen Begleiter mit auf die Expedition genommen hatte. Hinter der bequemen Abkürzung "GG" nämlich verbarg sich die anspruchsvolle Benennung "Großer Geist" - ein Name, auf den er selbst freilich nicht gekommen war, sondern sein Bund, und worin neben versteckter Anerkennung so viel Spott lag, dass er ihn sich gefallen lassen konnte. Doch hatte das zur Folge, dass Peter Geist auch Kunkes alten Namen wieder aufleben ließ, weshalb er nie anders als "Figur" gerufen und angeredet wurde. Mit dieser Bezeichnung hatte der erbarmungslose Scharfblick der Jungen einmal den Missklang aufgedeckt, der in seiner Erscheinung zu Tage trat. Auf einem überaus kräftigen und muskulösen Körper saß ein wahres Kindergesicht. Dieses Missverhältnis war ihm geblieben, obwohl das, was er erlebt hatte, dazu ausreichen konnte, ein Greisengesicht durch die Welt zu tragen. Nachdem er aus der Schule vorzeitig ausgebrochen war, hatte er sich in der weiten Welt erst als Schiffsjunge durchgeschlagen, später als Matrose, als Erdölarbeiter in Texas, als Bergarbeiter in Südafrika. Dieser Missklang wurde besonders deutlich, wenn er sich in seinen Kindermund einen Priem steckte, denn beim Kautabak war er seit seiner wüsten Matrosenzeit geblieben. Es schien ihm beschieden zu sein, nicht zu einer vollen Menschengestalt heranzureifen, sondern im Figurenhaften stecken zu bleiben.
  Den Engländer, den Leiter der Expedition, nannte jeder "Chef". Darin lag ohne Frage Zuneigung, denn die Männer hätten ja ebenso gut Mr. Slanton zu ihm sagen können - aber es lag darin auch das willige Zugeständnis, dass sie diesem schweigsamen, zähen Mann mit jenem Respekt gern begegneten, den innere Überlegenheit erweckt.
  "Ehe wir erwägen, was wir jetzt tun", sagte der Graf, "sollten wir herausbekommen, warum uns die Träger verlassen haben. Ich habe auf dem langen und mühseligen Weg über den Darapass, bei diesem entsetzlichen schweren Anstieg auch nicht bei einem einzigen ein Zeichen von Unwillen gesehen. Wie ist es, GG - Sie sind ja natürlich der einzige, der mit ihnen reden konnte -, was sagen Sie dazu?"
  "Dasselbe wie Sie, Graf. Die Männer waren in bester Laune. Wir haben gehört, wie vergnügt sie morgens immer sangen. Dass ich sie bat, erst zu singen, wenn wir aufgestanden wären, kann sie unmöglich so gekränkt haben, dass sie verschwunden sind."
  "Bei den Küchenkisten fehlt nichts", sagte Neunauge. "Nicht einmal von dem Kandiszucker haben sie was gestohlen, und hinter dem waren sie her wie die Bremsen nach dem Kuhfladen."
  "Sie haben sogar ihr Geld im Stich gelassen", sagte der Chef, "denn ihre Löhnung sollte doch erst am Ziel ausgezahlt werden."
  "Jedenfalls sitzen wir jetzt schön in der Patsche", sagte Figur. "Wir können nicht weiter und können nicht zurück. Die ganze Sache ist sozusagen im -"
  "Ich habe Ihnen gleich gesagt, Herr Graf!" sprudelte Neunauge los. "Weshalb sollen wir ausgerechnet nach Kafiristan, der gottverlassensten Stelle von ganz Asien?! Kennen Sie einen einzigen Menschen, der jemals in Kafiristan gewesen wäre? Jetzt können wir hier alles stehen- und liegen lassen und froh sein, wenn wir überhaupt lebendig wieder in eine vernünftige Gegend kommen, wo man eine Fahrkarte kaufen kann."
  Der Graf lächelte, aber er wie die andern fanden, dass Neunauge nicht unrecht hatte. Da es für sie ausgeschlossen war, eine offizielle Einreise-Erlaubnis nach Afghanistan zu bekommen, hatten sie den streng bewachten Khaiber-Paß nicht benutzen können, sondern den weiten Umweg durch die Gebirge im Norden machen müssen, und nun waren sie in diesen menschenleeren Steinöden tatsächlich wie verloren.
  "Sieh da", redete Neunauge höhnisch weiter, "die netten Boten von der hiesigen ,Pietät’ wollen sich schon um uns bemühen!"
  Er zeigte geradeaus, wo Geier aufgetaucht waren. Sie kreisten um eine verdorrte Zeder, die am Rande eines jäh abstürzenden Felsens stand.
  Der Chef hatte sich erhoben. Er legte die Hand über die Augen und sah hinüber. Ehe er ein Wort gesagt hatte, hielt ihm Plumpudding schon seinen Feldstecher hin.
  "An dem Baum ist ein Mensch angebunden", sagte er. "Mit dem Kopf nach unten."
  "Äußerst nachteilig für sein Wohlbefinden", sagte der Graf, "wenn sein Blutkreislauf nicht in Ordnung sein sollte". "Ich sage ja, - eine reizende Gegend!" wetterte Neunauge. Der Chef nahm die Winchester-Büchse, die ihm Plumpudding gebracht hatte. Er legte an, zielte. Der Schuss fiel. Einer der Geier stürzte getroffen ins Tal. Die andern schraubten sich höher, dann stießen die ausgehungerten Vögel dem toten Tier nach, um es zu zerfleischen.
  "Ich bleibe dabei, eine ganz reizende Gegend!" grollte Neunauge voller Verachtung.
  "Der Chef schießt nie, ohne zu treffen", sagte Plumpudding stolz.
  "Ich treffe auch, wenn ich will", sagte Neunauge sehr entschieden. "Ich bin zweiter Vorsitzer in unserm Jagdklub ,Die Briganten’."
  "Ich habe gehört", sagte Plumpudding, "in Marseille schießt man auf ausgestopfte Kaninchen?"
  Neunauge antwortete nicht. Er würde diesen Satz Plumpuddings nicht vergessen, und eines Tages würde er ihm die gehörige Antwort geben, nicht mit dem Munde, sondern mit der Waffe in der Hand. Aber nicht jetzt. Er hastete den andern nach. GG, der Chef, der Graf und Figur waren ihm schon weit voraus auf dem Wege zu dem Gefesselten.

Dieses Kapitel wurde dem Band 1 "In den Klauen des Ungenannten" entnommen. Zu weiteren Leseproben kommen Sie hier.

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